Warum blüht der Weihnachtsstern erst im Dunkeln?
Kapitel im Video · 1:15
Der Weihnachtsstern ist eine Kurztagpflanze: Er blüht und färbt seine Hochblätter erst, wenn die Nächte lang sind. Entscheidend ist, wie lange es am Stück dunkel bleibt; schon wenig Licht in der Nacht kann die Blüte verzögern. US-Beratungsstellen raten, ihn ab Ende September oder Anfang Oktober jede Nacht mindestens 14 Stunden völlig dunkel zu halten, zum Beispiel unter einem Karton oder im Schrank, und tagsüber hell zu stellen. Nach etwa 8 bis 10 Wochen färben sich die Hochblätter. Kälte braucht er dafür nicht; sehr warme Nächte können die Blüte verzögern.
Ausführlich erklärt
Für die Blüte vieler Pflanzen spielt die Tageslänge eine Schlüsselrolle (Oregon State University 2024). Kurztagpflanzen blühen, wenn die Tage kürzer als etwa 12 Stunden sind, die Nächte also lang. Dazu gehören Weihnachtsstern, Chrysantheme und Weihnachtskaktus (Oregon State University 2024) und die Kalanchoe (Clemson University). Langtagpflanzen blühen bei langen Tagen mit mehr als 12 Stunden Licht, zum Beispiel Salat und Spinat (Oregon State University 2024, Royal Horticultural Society). Salat blüht auch bei kürzeren Tagen, nur später (Han und Kollegen 2021). Tagneutrale Pflanzen wie Tomate, Gurke und manche Erdbeeren blühen unabhängig von der Tageslänge, sobald sie groß genug sind (Oregon State University 2024, Penn State Extension). Ganz unbeeinflusst ist aber auch die Tomate nicht: Unter langen Tagen blüht sie etwas später, unter kurzen etwas früher (Xu und Kollegen 2021). Die Grenzwerte sind Faustwerte und je nach Art verschieden (Purdue University 2013).
Der Name „Kurztagpflanze" führt etwas in die Irre. Entscheidend ist vor allem, wie lange es ununterbrochen dunkel bleibt, weniger, wie lange es hell ist (Purdue University 2013, Oregon State University 2024, Penn State Extension). Gezeigt haben das Karl Hamner und James Bonner 1938 an der Spitzklette (Xanthium): Bei 15 Stunden Licht und 9 Stunden Nacht blühte sie reichlich. Teilten die Forscher diese kurze Nacht in der Mitte mit einer Minute hellem Licht (150 Foot-candle, rund 1.600 Lux) in zwei Hälften von je 4,5 Stunden, bildete keine der zehn Pflanzen Blüten (Hamner und Bonner 1938). Je länger die Nacht ist, desto mehr Licht braucht es allerdings, um sie zu unterbrechen: Bei 15 statt 9 Stunden Dunkelheit war mindestens die dreißigfache Lichtmenge nötig. Eine halbe Stunde Licht nach 6,5 Stunden einer 15-Stunden-Nacht hielt nur 2 von 10 Pflanzen von der Blütenanlage ab (Hamner und Bonner 1938).
Beim Weihnachtsstern genügte in einem Versuch schon sehr schwaches Licht. Brannte während einer 16-stündigen Dunkelphase die ganze Zeit eine Glühlampe, die an der Pflanze nur 1 Lux ergab, blühten vier Sorten 11 bis 39 Tage später. Bei 7 und 35 Lux blühte keine der Sorten (Wang und Kollegen 2003). In älteren Versuchen wirkte für den Weihnachtsstern schon Licht über etwa 3 bis 19 Lux (umgerechnet aus 0,3 bis 1,8 Foot-candle) wie ein langer Tag. Um die Blütenanlage zu verhindern, brauchte es dort eine Stunde oder mehr Licht mitten in der Nacht. Kurze Lichtblitze wirkten, wenn sie sich über Stunden wiederholten, zum Beispiel 3 Sekunden jede Minute, 4 Stunden lang, bei rund 215 Lux (Mastalerz, Penn State University 1970). Einen Versuch mit einem einzelnen kurzen Lichtblitz beim Weihnachtsstern haben wir nicht gefunden. Auch die Lichtfarbe zählt: Schon kurzes rotes Licht in der Nacht kann die Dunkelphase von Kurztagpflanzen unterbrechen und die Blüte verhindern, dunkelrotes Licht direkt danach kann die Wirkung wieder aufheben (Bennie und Kollegen 2016 über frühe Versuche aus dem Jahr 1952).
Darum warnen Beratungsstellen vor jedem Licht in der Dunkelphase. Schon Licht einer Garagenlampe oder einer geöffneten Tür kann die Blüte bis Weihnachten verhindern (Mississippi State University), ebenso ein kleiner Lichtspalt (University of Maryland). Verspätete Blüte ist häufig und kommt von Licht während der Dunkelphase (University of Maryland). In Gärtnereien gelten Straßenlaternen und Autoscheinwerfer als Hauptquellen für Störlicht (Mastalerz 1970). Direkt unter Straßenlaternen messen Forscher am Boden etwa 50 Lux (Bennie und Kollegen 2016). Wie viel davon durch ein Fenster bis zur Pflanze kommt, haben wir in keiner Quelle gefunden. Penn State Extension hält die meisten Straßenlaternen für zu schwach, um Bäume zu beeinflussen. Das bezieht sich auf Bäume im Freien, nicht auf Zimmerpflanzen.
Für einen Weihnachtsstern vom Vorjahr raten US-Beratungsstellen fast gleichlautend: ab Ende September oder Anfang Oktober (University of Wisconsin; Mississippi State University: ab 1. Oktober) jede Nacht mindestens 14 Stunden am Stück völlig dunkel und tagsüber nicht mehr als 10 Stunden Licht (University of Maryland, Oregon State University 2018). Am einfachsten stülpst du jeden Abend einen Karton über die Pflanze oder stellst sie in einen Schrank, zum Beispiel von 17 bis 7 Uhr (University of Maryland). Auch ein lichtdichter Beutel im Schrank kann helfen (Illinois Extension). Tagsüber braucht die Pflanze 6 bis 8 Stunden helles Licht (Mississippi State University). Im Detail weichen die Angaben ab: Illinois Extension nennt 17 bis 8 Uhr, also 15 Stunden, der Botanische Garten der Universität Potsdam höchstens 12, besser nur 10 Stunden Licht. Woher die 14-Stunden-Regel stammt, haben wir nicht gefunden. In älteren Versuchen, die Mastalerz 1970 zusammenfasst, legte die Sorte „Barbara Ecke Supreme" bei 18 bis 21 °C nur Blüten an, wenn der Tag kürzer als 12,5 bis 12,75 Stunden war, bei 27 °C erst unter 9 bis 10 Stunden.
Nach etwa 8 bis 10 Wochen färben sich die Hochblätter (Oregon State University 2018). Mississippi State University nennt 7 bis 10 Wochen und je nach Sorte eine Färbung ab Ende November. Der Botanische Garten der Universität Potsdam nennt nur etwa vier Wochen bei rund 20 °C, deutlich kürzer als alle anderen Quellen. Am sichersten hältst du durch, bis die Hochblätter gut gefärbt sind, danach ist die Pflanze weniger lichtempfindlich (University of Maryland). Kälte ist nicht der Auslöser: Ist die Nacht zu kurz, wächst die Pflanze gesund weiter, aber die Hochblätter bleiben grün (University of Wisconsin). Nächte über etwa 21 bis 24 °C können die Blüte verzögern oder verhindern (Illinois Extension, Purdue University 2013). Auch kühlere Temperaturen verzögerten die Blüte in Gewächshausversuchen, um zwei Tage bis drei Wochen. Die Pflanzen standen dort ab zwei Wochen nach Beginn der Kurztage nachts bei 14 oder 17 °C statt 19 °C (Purdue University 2012). Das Farbige sind übrigens keine Blüten, sondern umgebildete Blätter, die Hochblätter. Die echten Blüten sitzen klein und gelb in der Mitte (University of Maryland, Mississippi State University, Universität Potsdam).
Unter einer Pflanzenlampe gilt dasselbe. Kurztagpflanzen wie Weihnachtsstern, Kalanchoe und Weihnachtskaktus bilden Knospen nur bei höchstens 11 Stunden Tageslicht (University of Maryland). Wer ihnen mehr Licht geben will, erhöht deshalb die Helligkeit, nicht die Stunden. Das ist unsere Schlussfolgerung. Bei langen natürlichen Tagen lassen sich kurze Tage im Gewächshaus nur mit Material herstellen, das kein Licht durchlässt (Purdue University 2013). Ein geschlossenes Zelt kann das nach unserer Einschätzung übernehmen, wenn es wirklich lichtdicht ist. Für die HOMEbox-Zelte nennt der Hersteller „lichtdichtes Zeltmaterial sowie stabile Reißverschlüsse" (Herstellerangabe SANlight). Ob durch Lüftungsöffnungen oder Kabeldurchführungen Licht fällt, haben wir nicht geprüft. Bei Salat und Spinat ist es umgekehrt: Lange Tage lassen sie schießen, also Blütentriebe bilden (Royal Horticultural Society, Meng und Kollegen 2022). In einem Versuch wuchsen Spinat-Jungpflanzen unter 8 oder 12 Stunden Kunstlicht bei niedriger Temperatur heran und kamen dann im Sommer ins Gewächshaus. Zwei Wochen später waren nur etwa 5 % geschossen. Von Jungpflanzen aus der üblichen Anzucht bei natürlichen 15,5 Stunden Tag und Wärme hatten 85 % durch Schossen ihren Marktwert verloren (Chun und Kollegen 2000). Eine feste Stundenzahl für Salat oder Spinat unter Pflanzenlampen haben wir in Fachquellen nicht gefunden. Tagneutral heißt nicht, dass Licht rund um die Uhr gut ist: Kulturtomaten bekommen unter Dauerlicht fleckig gelbe Blätter (Velez-Ramirez und Kollegen 2019).
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Häufige Fragen
Warum wird mein Weihnachtsstern vom letzten Jahr nicht wieder rot?
Oft sind seine Nächte zu kurz oder nicht ganz dunkel. Als Kurztagpflanze braucht er lange, ununterbrochene Nächte. Ist die Dunkelphase zu kurz, wächst er gesund weiter, aber die Hochblätter bleiben grün (University of Wisconsin). Schon Licht von einer Garagenlampe oder einer geöffneten Tür kann die Blüte bis Weihnachten verhindern (Mississippi State University), und Licht in der Dunkelphase ist ein häufiger Grund für verspätete Blüte (University of Maryland).
Ab wann und wie lange muss er ins Dunkle?
Ab Ende September oder Anfang Oktober jede Nacht mindestens 14 Stunden am Stück völlig dunkel, tagsüber hell (University of Maryland, University of Wisconsin, Mississippi State University, Oregon State University 2018). Illinois Extension nennt 17 bis 8 Uhr, also 15 Stunden. Nach etwa 8 bis 10 Wochen färben sich die Hochblätter, laut Mississippi State University je nach Sorte ab Ende November. Am sichersten hältst du durch, bis sie gut gefärbt sind (University of Maryland).
Reicht es, abends das Licht im Zimmer auszuschalten? Und stört die Straßenlaterne?
Nur, wenn es dann wirklich dunkel bleibt. Im Versuch verzögerte schon 1 Lux, die ganze Nacht lang, die Blüte des Weihnachtssterns bei 16 Stunden Nacht um 11 bis 39 Tage, bei natürlicher Tageslänge sogar noch etwas länger; 7 Lux verhinderten sie (Wang und Kollegen 2003). Unter Straßenlaternen messen Forscher am Boden etwa 50 Lux (Bennie und Kollegen 2016), für Gärtnereien gelten Straßenlaternen und Autoscheinwerfer als Hauptquellen für Störlicht (Mastalerz 1970). Wie viel davon durch dein Fenster kommt, hängt vom Einzelfall ab. Sicherer ist ein Karton, ein dunkler Schrank oder ein lichtdichter Beutel, jeden Abend zur gleichen Zeit (University of Maryland, Illinois Extension).
Braucht der Weihnachtsstern Kälte, damit er rot wird?
Nein. Auslöser sind die langen Nächte: Sind sie zu kurz, bleiben die Hochblätter grün, auch wenn die Pflanze gesund wächst (University of Wisconsin). Nächte über etwa 21 bis 24 °C können die Blüte verzögern (Illinois Extension, Purdue University 2013), kühlere Temperaturen verzögerten sie in Gewächshausversuchen ebenfalls, um zwei Tage bis drei Wochen (Purdue University 2012). Ob kühlere Temperaturen gegen Ende kräftigere Farben bringen, ist umstritten: Das wird zwar berichtet (American Floral Endowment 2012), im Versuch der Purdue University war die Farbe aber ähnlich (Purdue University 2012). Unter 10 °C kann der Weihnachtsstern laut Mississippi State University Stress zeigen.
Wie lange soll meine Pflanzenlampe am Tag brennen?
Das hängt von der Pflanze ab. Kurztagpflanzen wie Weihnachtsstern, Kalanchoe und Weihnachtskaktus bilden Knospen nur bei höchstens 11 Stunden Tageslicht (University of Maryland), beim Weihnachtsstern also zum Beispiel 10 Stunden Licht und 14 Stunden Nacht (Oregon State University 2018). Salat und Spinat schießen bei langen Tagen (Royal Horticultural Society), eine feste Stundenzahl für sie unter Lampen haben wir in Fachquellen nicht gefunden. Tomaten sind tagneutral, bekommen unter Dauerlicht aber fleckig gelbe Blätter (Velez-Ramirez und Kollegen 2019). Für die meisten Zimmerpflanzen empfiehlt die University of Maryland höchstens 16 Stunden Licht am Tag.
Mehr dazu
Quellen
- Day length plays key role in plant flowering · Pokorny, Oregon State University Extension (2024)
- How to care for my poinsettia? · Natter, Oregon State University Extension (2018)
- Timepieces in our Plants · Bogash, Penn State Extension (2026)
- Managing Photoperiod in the Greenhouse (HO-253-W) · Currey, Lopez und Runkle, Purdue University Extension (2013)
- Poinsettias cultivars can take cooler temperatures, save growers · Purdue University News, mit Kurzfassung von Camberato, Lopez und Krug (2012)
- Kalanchoe (HGIC 1563) · Davenport, Clemson Cooperative Extension (2007)
- Poinsettias · Ricigliano, University of Maryland Extension (2023)
- Lighting for Indoor Plants · University of Maryland Extension (2023)
- Poinsettias Enhance Holidays & Beyond · Spangenberg, University of Wisconsin-Madison Division of Extension (2025)
- Selecting and Maintaining Poinsettias (Publication 2573) · DelPrince, Coker und McLeod Jackson, Mississippi State University Extension (2026)
- Poinsettia Care After the Holidays · Johnson, University of Illinois Extension (2018)
- Frequently Asked Questions (Poinsettia) · University of Illinois Extension
- Weihnachtsstern - Euphorbia pulcherrima (Pflanze des Monats November 2008) · Botanischer Garten der Universität Potsdam (2008, aktualisiert 2020)
- Basic Facts About the Response of Poinsettias to Daylength and Temperature · Mastalerz, Penn State University, Pennsylvania Flower Growers Bulletin 235 (1970)
- Photoperiodism in Relation to Hormones as Factors in Floral Initiation and Development · Hamner und Bonner, Botanical Gazette 100 (1938)
- Effects of Low Light Levels During the Dark Period on Flower Development in Euphorbia pulcherrima · Wang und Kollegen, Acta Horticulturae 624 (2003)
- Ecological effects of artificial light at night on wild plants · Bennie, Davies, Cruse und Gaston, Journal of Ecology 104 (2016)
- Tomato SlCDF3 Delays Flowering Time by Regulating Different FT-Like Genes Under Long-Day and Short-Day Conditions · Xu und Kollegen, Frontiers in Plant Science 12 (2021)
- Bolting in vegetables · Royal Horticultural Society (RHS)
- Quantitative Trait Loci and Candidate Genes Associated with Photoperiod Sensitivity in Lettuce (Lactuca spp.) · Han, Lavelle, Truco und Michelmore, Theoretical and Applied Genetics 134 (2021)
- Quantitative Trait Locus Mapping and Identification of Candidate Genes Controlling Bolting in Spinach (Spinacia oleracea L.) · Meng und Kollegen, Frontiers in Plant Science 13 (2022)
- Manipulation of Bolting and Flowering in Spinach (Spinacia oleracea L.) Transplant Production System Using Artificial Light · Chun, Kozai, Kubota und Okabe, Acta Horticulturae 515 (2000)
- Phytochrome A Protects Tomato Plants From Injuries Induced by Continuous Light · Velez-Ramirez, Vreugdenhil, Millenaar und van Ieperen, Frontiers in Plant Science 10 (2019)
- Energy Efficient Poinsettia Production #1 (Special Research Report #530) · Camberato, Krug und Lopez, American Floral Endowment (2012)
- homebox brochure de · SANlight GmbH, Herstellerangabe (2025)
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